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Ihr Standpunkt zur Gewerbepolitik interessiert uns!

Sagen Sie uns Ihre Meinung zu einem aktuellen Thema unter info@kgv-gr.ch (Vermerk: Forum Gewerbepolitik). Es sollen auch Meinungen von Mitgliedern zum Zug kommen, die nicht mit der Verbandsleitung übereinstimmen. Aufbauende Kritik ist ebenso gefragt wie Lob und Tadel.

Sehr geehrter Herr Michel
Sie setzen sich immer wieder für Anliegen der KMU’S ein, finde ich gut. Warum ist dies nicht in Zusammenhang mit der Zweitwohnungsinitiative geschehen. Schade, jetzt ist es zu spät, der Salat ist angerichtet. Warme Betten wird es nun gar keine mehr geben, das Hotelsterben wird in gleichem Masse weitergehen. In Chur ist man weniger oder gar nicht davon betroffen sein als in unsern Randregionen. Die Milchkuh wird es aber auch für den Kanton nicht mehr geben. Jahrzehnte lang hat man von unseren Regionen profitiert, heute lässt man uns einfach fallen. Viel mehr gibt es hier nicht mehr zu sagen.
Freundliche Grüsse HPM, 12.03.2015

Sehr geehrte/r HPM
Besten Dank für Ihr Mail. Offene und klare Diskussion ist die beste Möglichkeit, einander zu verstehen.
Im Rahmen der Abstimmungskampagne zur Zweitwohungsinitiative sind wir von den bürgerlichen Parteien und eidg. Dachorganisationen sehr im Stich gelassen worden. Niemand wollte für die Kampagne die Federführung übernehmen und als sich das JA abzeichnete, war es zu sät. Im BGV machten damals, was wir mit unseren bescheidenen Mitteln machen konnten.

Wir haben nicht nur kantonal sondern mit unseren Kollegen aus dem VS und aus Bern und Tessin eine nationale Kampagne aufgezogen. Dass uns das neben sehr viel Arbeit und noch viel mehr Geld am Schluss nichts eingebracht hat, war die harte Realität. Es kam uns vielleicht etwa so vor, wie wenn Sie Herr Meier in Chur von einem Tag auf den anderen und ohne Vorbereitung ein Hochhaus fertigstellen müssten, bei dem gerade das Fundament erstellt wurde. Wir waren jedenfalls überfordert und das krass. Dass wir nachher - von Personen, die sich null und nichts an unserem einsamen Kampf beteiligten - noch Schimpftiraden bekamen, war das Pünktli auf dem i.

Im Anschluss an die verloren gegangene Abstimmung haben wir uns positioniert und gefordert, was wir gerne bei der Umsetzung hätten. Es sah lange gut aus, doch am Schluss mussten wir einem Kuhhandel weichen.

Dazu hatten wir keine Gelegenheit Einfluss zu nehmen. Zusammenfassend betrachtet ist festzustellen, dass im Gesetz der Verfassungsartikel sehr strikte und eng umgesetzt wird. Denn dass vor dem 11. März 2012 bestehende Wohnungen weiterhin als Zweitwohnungen umgenutzt werden können, war aufgrund der Eigentumsgarantie klar, alles andere wäre ein Skandal gewesen. Und dass Hotels allenfalls einen Teil Zweitwohnungen erstellen können, um den Hotelbetrieb zu sichern, ist ebenfalls ein Gebot der Vernunft und fliesst letztlich auch aus der Eigentumsgarantie, nämlich um solche Hotels zumindest partiell erhalten zu können.

Weitergehende Möglichkeiten als die nun im Kompromiss geschlossenen bestehen nicht. Gesamthaft betrachtet müssen wir uns nun in den Berg- und Ferienregionen mit dem absoluten Minimum zufrieden geben, was überhaupt möglich resp. sogar aufgrund der Eigentumsgarantie zwingend geboten war. Was bleibt ist der Trost, dass es angesichts des Fanatismus, mit welchem die Initianten ihre Ideen lanciert haben, auch noch schlimmer hätte heraus kommen können.

Wir sind uns im BGV sehr wohl bewusst, dass es für die Regionen sehr wichtig gewesen wäre, nicht von diesem Salat essen zu müssen. Tatsache ist aber auch, dass wir trotz einer sehr aufwendig geführten Kampagne zur Initiative auch im eigenen Kanton zwar ein Nein erreichen konnten, aber alles andere als überzeugend.

Ich teile Ihre Auffassung, dass wir über weite Strecken verloren haben.

Dass wir im BGV in dieser wichtigen Abstimmung die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten, trifft aber mit Sicherheit nicht zu. Aus meiner subjektiven Sicht haben wir wirklich alle Register gezogen, aber so wie wir aufgestellt waren und wie wir fallen gelassen wurden, hatten wir keine Chance zu reüssieren. Das macht mich genau so traurig wie Sie.

Freundlichen Grüsse aus Chur, Jürg Michel

++++

Lieber Jürg

Gerade der BVG sollte sich aus der Fremdsprachen-Initiative heraushalten. Unsere KMU beschäftigen Personal aus Italien und Portugal, haben viele italienische Kunden und als Kanton mit einer italienischsprachigen Minderheit ist Italienisch als Zweitsprache von grossem Vorteil!!! Englisch steht jedem frei zu erlernen.
Ich hoffe Du machst Dir Gedanken darüber!

A.M., 12.06.2013

Lieber A.M.

Danke für deine Zuschrift. Die Antwort wird etwas länger, weil du nicht der einzige bist, der so reagiert und es mir ein Bedürfnis ist, zu sagen worum es geht.

Der BGV hat noch nicht darüber entschieden, ob er die Initiative unterstützt. Ich persönlich würde dem allerdings zustimmen. Der Kantonalvorstand hat mich in das Initiativkomitee delegiert.

Die Initiative sagt nicht, dass nicht mehr Italienisch in der Schule unterrichtet wird! Das wäre vermutlich kultur- und sprachenpolitisch nicht durchsetztbar und entspräche auch nicht dem Ziel der Initianten. In der Oberstufe wird das weiterhin möglich sein und zwar ohne Schaden für die Italienisch-Kenntnisse. Warum? Heute ist es so, dass die Kinder bereits in der 3. Primarklasse mit dieser Sprache beginnen. Weil das einzigartig ist in der Schweiz, gibt es bis heute keine vernünftigen Lehrmittel. In der Regel ist es so, dass die Kinder in der 1.Sek/1.Real wieder von vorne mit dem Unterricht beginnen (bei uns machte man das seinerzeit in der Geschichte so: drei Mal nahmen wir die Neandertaler durch und nie den 2. Weltkrieg). Das ist für alle demotivierend. Für die Lehrer, die Schüler, die Eltern.
Bitte frage einmal in deinem Bekanntenkreis mit Kindern in diesem Alter, was sie von der heutigen Situation halten. Wenn man in der Oberstufe richtig mit Italienisch beginnt und eine sinnvolle Stundendotation einführt, kann man am Schluss der Volksschule zu einem ebenbürtigen Resultat kommen.

Schon heute reklamieren viele Lehrmeister, viele Jugendliche würden in Mathi und Muttersprache zu wenig Kenntnisse bringen. Dabei haben sie noch nicht einmal jene Schüler gehabt, die seit 2 Jahren in der 5. Klasse mit Englisch beginnen. Wegen der Sprachenlastigkeit, wird sich diese Situation also noch verschlimmern.

Warum Englisch und nicht Italienisch als Erstsprache? Fast alle Deutschweizer - und insbesondere alle Ostschweizer-Kantone haben als erste Fremdsprache Englisch gewählt. Eine Familie mit Kindern aus Graubünden ist stark benachteiligt, wenn sie den Kanton wechseln will, ja nur schon wenn sie über die Tardisbrücke geht. Vom umgekehrten Weg gar nicht zu sprechen. Wir suchen Fachkräfte aus dem Unterland und bekommen keine, weil die Familien (insbesondere die Ehefrauen) nicht zügeln wollen, weil sie ihre Kinder nicht benachteiligen wollen. In unserem Schulsystem ist man gefangen. Und das sollte man meines Erachtens korrigieren. Wenn wir von den Leuten Mobilität und Flexibilität verlangen, sollten wir sie nicht an einem ungünstigen Sprachensystem aufhalten, das niemand ausser den Bündnern kennt.

Meine persönliche Meinung: Das heutige Schulsystem ist zu sprachenlastig. Der Lehrplan 21 will dies mit der obligatorischen Einführung von zwei Fremdsprachen in der Primarschule zementieren. Ich glaube nicht, dass dies im Interesse des Gewerbes ist. Besser Schreiben und Mathematik besser begreifen zu können,  um sich in der Schriftsprche besser ausdrücken zu können und das analytische Denken zu fördern, täte unseren Schülern gut. Das ist nicht elitär. Kommt hinzu, dass man sie mit dem jetzigen Sprachunterricht in Italienisch vollkommen für die Sprache, die Mentalität, die Menschen etc. dieser Sprachregion demotiviert und eigentlich genau das Gegenteil bewirkt. Die Initiative kann daher zu einer besseren Schule und zu einem Abbau von Hindernissen führen.

Viele Grüsse
Jürg, 13.06.2013